1991 - Nicht gesucht und doch gefunden

Pünktchens Mama lebte wohlbehütet und über alles geliebt in einem Apothekerhaushalt im Südwesten Berlins. An eine Kastration hatte man zwar gedacht, es aber – zum Glück – noch nicht machen lassen, was dazu führte, dass sie sich als Freigängerin vor Verehrern kaum retten konnte. Tja, erhört wurde dann wohl ein riesiger, langhaariger Kater, schwarzweiß mit einem großen schwarzen Punkt am Kinn.

 

Wir können uns vorstellen wie es ausging: Nachdem der Herr seinen Spaß gehabt hatte, entzog er sich der Verantwortung und entschwand.

 

Am 05. Mai 1988, einem Donnerstag, wurden dann erst einmal 4 Katzenbabys geboren, die sich auch gleich ihren Platz an Mamas Bauch sicherten. So bemerkte kaum jemand, dass sich da noch ein weiteres kleines schwarzweißes Knäuel - mit einem winzigen schwarzen Punkt am Kinn - ins Licht der Welt wurschtelte.

Die Mama nahm dies so ganz nebenbei zur Kenntnis und die Geschwister waren wohl alles andere als begeistert, als da noch jemand Ansprüche geltend machen wollte.

 

Von da an musste sich dieses kleine Katzenmädchen immer hinten anstellen, die anderen waren stets zuerst dran.

Dennoch, sie lernte alles, was man so wissen und auch tun sollte, wenn man eine große pfiffige Katze werden möchte, eine die Mäuse fangen und auf Bäume klettern kann.

 

Am allerbesten aufgepasst hat sie aber bei der Lektion „Wie ich mir die Menschen untertan mache“.

 

Im zarten Alter von 12 Wochen zog das Katzenkind in sein neues Heim, nicht weit entfernt von ihrer Mama zu einem Ehepaar im besten „Katzeneltern-Alter“, das ihm nicht nur einen großen Garten bot, sondern auch den bis dato einzig möglichen Namen „Pünktchen“ verpasste.

 

Mit diesen Eltern verbrachte sie dann fast drei Jahre. Hier musste sie sich nicht mehr hinten anstellen, sondern war immer die erste und einzige, die durchgeknuddelt, geknutscht oder gedrückt wurde.

Na ja, das war Pünktchen dann aber auch wieder nicht so recht, denn vor lauter Liebe „erdrückt“ zu werden, das war dann wohl doch zu viel für sie.

 

Um dem zu entgehen, war sie viel unterwegs, nicht nur im eigenen Garten. Einmal ist sie völlig unbemerkt zu fremden Menschen ins Auto gestiegen. Als die dann an ihrem Ziel ankamen, thronte auf ihrem Rücksitz eine Katze, die das alles absolut toll und aufregend fand.

Zum Glück sind die Leute dann wieder dorthin zurückgefahren, wo sie das letzte Mal die Autotüren offen hatten. Pünktchen stieg aus und ging wie selbstverständlich durch den Zaun auf ihr Zuhause zu.

„Ihre Chauffeure“ haben dann geklingelt und von dem Ausflug erzählt.

Alle waren völlig aus dem Häuschen, bis auf eine, - die war bereits wieder unterwegs.

 

Pünktchens Familie hatte dann irgendwann beschlossen, sich in puncto Wohnraum zu verändern: Raus aus dem Haus mit Garten, rein in die Eigentumswohnung mit Balkon.

 

Da wir gerade auf der Suche nach einer neuen Bleibe waren, trafen beide Entscheidungen schlussendlich „aufeinander“.

Bei unserer ersten Besichtigung des Hauses sahen wir keine Katze, aber diverse Näpfe in der Küche herumstehen. Auf Nachfrage hieß es, dass eben auch eine Katze zur Familie gehört. Damit war das Thema dann auch erledigt.

 

Da wir uns sehr schnell für das Haus entschieden, kam der zweite Besuch zwecks Klärung der Einzelheiten und da wir und Pünktchens Familie sich sehr sympathisch waren, wurde das dann ein etwas längerer Aufenthalt, - und als dann der Kaffee auf dem Tisch stand, kam auch Pünktchen. Ich war gleich hin und weg, im Gegensatz zu meinem Mann Achim, der mit Katzen eigentlich so gar nichts am Hut hatte. Irgendwie waren sie ihm sehr suspekt.

 

Nun, wer Katzen kennt, kann sich vorstellen, was jetzt passierte. Ich wurde absolut links liegen gelassen, dafür setzte man sich mit der größten Selbstverständlichkeit auf Achims Schoß. Es war wohl ein Bild für Götter, ein stocksteif dasitzender Mann mit einer schwarzweißen Katze vor sich, die vor Selbstbewusstsein nur so strotzte.

Das alles dauerte nur wenige Minuten, und Madame entschwand wieder in den Garten. Auch diesmal wurde ich keines Blickes gewürdigt.

Die Zeit verging, der Hauskauf abgewickelt und ab April 1991 waren wir stolze Besitzer eines mit vielen Bäumen bewachsenen Grundstückes, eines kuscheligen Hauses und – einer Katze. Letzteres war eigentlich so gar nicht geplant, aber als uns Pünktchens Familie bat, sie zu „übernehmen“, weil man diesem freiheitsliebenden Tier eine Etagenwohnung nicht antun wollte, da konnten wir einfach nicht nein sagen, obwohl ich genau wusste, dass ich eine üble Katzenallergie habe, - und dann war da ja auch noch unser Familienmitglied „Rammelmeier“, genannt Rammi, ein schon 10 Jahre alter Zwergkaninchenmann, der bisher völlig frei und (fast) stubenrein mit uns zusammenlebte.

 

Aber wie das so ist, wir waren fest davon überzeugt, das alles auf die Reihe zu bekommen, ohne dass sich jemand dabei „unwohl“ fühlt.

 

Rammi lebte dann in unserem doch recht großen Schlafzimmer und fand das auch super, zumal er jetzt auf Teppichboden herumrasen konnte und nicht mehr so wie in der alten Wohnung über den Holzboden schliddern musste und in jeder Kurve die dort wirkenden Fliehkräfte unterschätzte.

Es war eine Freude zu sehen, wie dieses Tier sein Leben genoss und noch 2 schöne Jahre bei uns sein durfte.

Für Pünktchen war das Schlafzimmer absolut tabu und bis auf ein zufälliges Aufeinandertreffen der beiden hat das auch bestens geklappt.

 

Ja, und dieses eine „Treffen“ war eigentlich filmreif. Ich hatte die Tür nicht richtig geschlossen, was Rammi innen und Pünktchen außen sofort mitbekommen hatten.

Jeder raste los und man traf sich mehr oder weniger auf der Schwelle.

 

Hier kann man nun sagen, von 100 auf 0 in 0,001 sec., dann standen sich zwei Tiere gegenüber, die jeder für sich der Meinung waren, einem ganz schauderhaften Alien zu begegnen.

Ich konnte Pünktchen einfach hochheben und im Flur absetzen, - null Gegenwehr, null Gezeter, - nur erstarrte absolute Fassungslosigkeit.

 

Rammi hatte sich schnell wieder gefangen, Pünktchen dagegen brauchte dann doch etwas länger …

  

Jetzt aber noch mal zu unserer „Kennenlern - Phase“, die zwischen Achim und Pünktchen völlig problemlos verlief, da sich beide ziemlich schnell ineinander verliebten.

 

Bei mir sah das dann schon etwas anders aus.

 

Da Pünktchen offenbar recht froh war, dieser früheren ewigen Knuddelei ihrer Ex-Familie entkommen zu sein, machte sie mir sofort und mit Nachdruck klar, dass sie es zu solchen ungewollten Orgien auch nicht mehr kommen lassen wollte.

 

Allein wenn ich mich nur zu ihr runterbeugte, mutierte die junge Dame zu einer Furie, - die Ohren nach hinten geklappt, lautes wütendes Gefauche und mehr als einmal hat sie mich in diesem Zustand angesprungen, ohne jeglichen Grund gekratzt und gebissen. 

 

Es war für mich keine leichte Zeit, zumal sich meine Allergie durch diese ewigen Attacken so richtig etablieren konnte und eigentlich nur noch Kortison half.

 

Achim hatte für all das nur ein (wie ich fand, leicht arrogantes) Lächeln übrig. Klar, er bekam von Anfang an Mäuse geschenkt, wurde angehimmelt, betatscht und beschnurrt, - während ich in Pünktchens Augen lediglich die angemessene Versorgung der beiden übernehmen durfte.

 

Pünktchen war zeitweise absolut unerträglich, aber mit viel Geduld, noch mehr Liebe und dem geforderten Respekt ihr gegenüber begegneten wir uns nach ca. einem Jahr auf „Augenhöhe“, … und als sie mir dann die erste tote Maus vors Bett gelegt hatte, da wusste ich, dass ich es geschafft hatte.

 

Trotz dieser langen Zeit des Zusammenraufens habe ich auch nicht ansatzweise darüber nachgedacht, Pünktchen wegzugeben, ganz im Gegenteil.

Mir hat diese vierpfotige Person ungemein imponiert, sie hat niemals klein beigegeben und es gab keine Sekunde in ihrem Leben, in der sie sich „untergeordnet“ hat, - mal abgesehen vom manchmal notwendigen „Tierarztgriff, - für den sie sich in der Regel aber auch umgehend gerächt hat.

 

Jetzt waren wir also eine Patchworkfamilie, die bestens funktionierte, - solange sie einem pelzigen Dickschädel in Form eines Katzenkopfes das Gefühl gab, die Regeln bestimmen zu können.