Die (vielleicht wahre) Geschichte von Carlo und Aracat

 

Carlo blinzelte durch die noch halb geschlossenen Augen und überlegte, ob er es wagen sollte sie ganz zu öffnen. Aber warum eigentlich nicht, - es war nie sein Ding zu kneifen oder gar Angst zu zeigen. Langsam öffnete er die Augen, um sie gleich wieder erschrocken fest zuzukneifen.

 

Das kann ja wohl nicht wahr sein. Vorsichtig linste er durch das linke Auge, - okay funktioniert wie gehabt. Jetzt das rechte, - wow, es kann sehen, es kann wieder richtig sehen. Selig strahlte er übers ganze Gesicht, und als er dann noch feststellte, dass sein ganzer Körper zwar noch etwas zerzaust, aber dafür absolut schmerzfrei und voller Kraft war, wusste er, dass er jetzt an dem Ort angekommen war, von dem ihm seine Mama kurz nach seiner Geburt erzählt hatte. Er ist im Regenbogenland, er ist tatsächlich angekommen.

 

Schnell ein kurzer Blick nach links, nach rechts, - okay, keiner zu sehen, also kann ich ....!!!???

 

Wie ein dunkler Wirbelwind drehte sich Carlo im Kreis und jagte seinem eigenen Schwanz hinterher. Dann schmiss er sich auf den Rücken und lachte aus vollem Herzen. „Oh man, ich hatte in all den Jahren ganz vergessen, was das für ein Spaß macht, es ist einfach fantastisch!“

 

„Wo bin ich, was ist das hier, wie bin ich hierher gekommen?“

 

Ein zaghaftes verängstigtes Stimmchen unterbrach Carlo, der sich erst einmal ganz schnell anständig hinsetzte um dann dieses kleine zarte Wesen zu betrachten, das in einiger Entfernung vor ihm kauerte. Er wusste sofort, dass er es hier mit einer noch recht jungen Katzendame zu tun hat. Umgehend erwachte sein, na ja sagen wir mal Beschützerinstinkt, er atmete ganz tief ein und hielt die Luft an, weil er ganz genau wusste, wie unwiderstehlich rund und kuschelig er dann aussieht.

 

Allerdings hatte diese kleine Lady im Moment ganz andere Dinge im Kopf, also verzichtete er auf weitere Darbietungen und lief langsam auf sie zu.

 

„Ich bin Carlo, und wie heißt du?“ Vorsichtig schaute ihn die Kleine an und hauchte ein kaum hörbares „Aracat“ in seine Richtung.

 

Erstaunt ließ Carlo sich auf seine vier Buchstaben fallen. „Hab’ ich ja noch nie gehört, - so einen Namen, aber na ja, gefällt mir, - gefällt mir eigentlich ganz gut!“

 

Auch Aracat hatte sich mittlerweile aufgerichtet und schaute Carlo mit großen fragenden Augen an. „Bitte, wenn du es weißt, sag mir doch wo und warum ich hier bin.

 

Ich kann mich nur noch an das Auto erinnern, dann war erst einmal gar nichts mehr, plötzlich umhüllte mich diese in allen Farben leuchtende Wolke, und jetzt bin ich hier - ich versteh das alles nicht ...?“

 

„Du hattest einen Unfall, Aracat, einen Unfall, der dich hierher brachte, Du bist im Regenbogenland, in dem wunderbaren Land, das du nie mehr verlassen musst!“ Carlo war völlig verdutzt. Woher wusste er all dies, er kannte Aracat doch eigentlich überhaupt nicht.

 

„Regenbogenland, hmm, nie was von gehört.“ Aracat schaute ihn zweifelnd an, aber dann schlich sich ein aufgeregtes Erstaunen in ihren Blick. „Hey Carlo, ich weiß seltsamerweise auch, warum du hier bist. Du warst alt und sehr krank, und weil du so gelitten hast, hat dir deine Familie geholfen hierher zu kommen, stimmt doch, oder?“

 

„Ja Kleines, das stimmt und glaub mir, das war der größte Liebesbeweis, den man mir in dieser Situation machen konnte.“ Carlo blickte versonnen in die Ferne, und er musste das ein oder andere Mal kräftig schlucken.

 

„Carlo, meine Familie durfte das nicht tun, sie waren auf meinen Abschied überhaupt gar nicht vorbereitet.“ Aracat kuschelte sich Trost suchend an diesen großen kräftigen Kater, dessen Herz sich in diesem Moment ganz weit öffnete.

 

„Nein Aracat, bei euch war es nicht so, aber das ist kein Grund jetzt traurig zu sein. Jedem ist sein eigener Weg vorgegeben, der in dieses Land führt. Ist es nicht so, dass wir, die wir hier angekommen sind, unseren eigenen Weg akzeptiert haben? Nur unsere Familien, die diesen Weg zwar vor Augen hatten, aber zurückbleiben mussten verzweifeln an ihm, egal ob sie uns nun früher oder später gehen lassen mussten“.

 

„Aber das will ich nicht, sie sollen nicht verzweifeln!“

 

„Ach meine Kleine, auch das gehört dazu, - wo Liebe ist, werden auch immer Tränen sein, das ist nun mal so, weil das eine ohne das andere gar nicht existieren kann.

 

Aber sei sicher, irgendwann einmal wird die Verzweiflung weichen müssen.“

 

„ ... und dann gibt es keine Tränen mehr?“ Aracat schaute Carlo hoffnungsvoll an.

 

„Aber natürlich gibt es auch dann hin und wieder einmal ein paar Tränen, - ich sagte dir doch, keine Liebe ohne Tränen, nur sind es dann keine der Verzweiflung, sondern die wichtigsten überhaupt, nämlich die dankbaren Tränen der liebevollen Erinnerung an uns.“

 

„Oh Carlo, woher weißt du das alles?“

 

„Meine Mama hat mir kurz nach meiner Geburt davon erzählt. Sie erzählte vom Leben und sie sprach eben auch über das Regenbogenland. Sie sagte immer, dass dieser Ort das Ziel unseres Lebensweges sei, und dass wir dort einmal all das finden werden, was Glück und Frieden ausmacht.“

 

„Schade, meine Mama hat mir all das nicht erzählt.“

 

Mit einem liebevollen Blick lächelte Carlo in Aracats trauriges Gesichtchen:

 

„Oh doch, sie hat es dir erzählt, du hast es nur vergessen. So wie auch ich es im Laufe der Zeit vergaß. Erst als ich alt und schwach wurde merkte ich, dass da irgendwo eine Erinnerung auf mich wartet, eine Erinnerung, die alles erklärt.

 

Du Aracat hattest nicht die Zeit, dich vorzubereiten, aber du wirst sehen, es wird nicht mehr lange dauern, bis auch du keine Fragen mehr haben wirst.“

 

Aracat schloss für einen Moment die Augen, dann lächelte sie voller Vertrauen.

 

„Okay Carlo, so wird es sein, aber jetzt lass uns gehen, es gibt viel zu entdecken.“ Aracat zwinkerte in Carlos Richtung und lief los.

 

Carlo nickte und folgte ihr.

„Ach übrigens,“ - Aracat blieb kurz stehen und schaute Carlo ein ganz klein wenig kokett in die Augen – „ich glaube, wir könnten so richtig gute Freunde werden.“

 

„Aber klar doch“, erwiderte Carlo laut und deutlich, um anschließend noch ein paar Worte in seinen Bart zu murmeln.

 

Aracat lief ein wenig voraus.

Carlo sollte ja nicht gleich sehen wie glücklich sie im Moment vor sich hin lächelte, denn sie hatte auch seine letzten Worte durchaus verstanden. Voller Zuversicht sprang sie los.

 

Darauf hatte Carlo nur gewartet, und er rannte so schnell er konnte hinter Aracat her.

 

Lasst es Euch gut gehen Ihr Beiden .... dort hinterm Regenbogen 

 

(Barbara Würzburg)