Schutz durch Stärke

Was eine Katze erlebte, als sie auf die Suche nach dem stärksten Wesen ging

Ein Märchen aus Afrika

Im Busch lebte einst eine Katze. Sie lebte ganz allein und fühlte sich sehr einsam. „Ach“, seufzte sie, „es wäre schön, wenn ich Gesellschaft hätte und nicht allein leben müsste“.

 

Sie beschloss, sich einem anderen Wesen anzuschließen. Aber was sollte das für ein Wesen sein? Ein stolzes Tier vielleicht? Ein flinkes Tier? Ein kluges Tier, ein anmutiges Tier, ein tapferes?

 

Wie auch immer, dachte die Katze, Hauptsache, es ist ein starkes Tier. In der Umgebung starker Tiere kann man friedvoll leben, ohne Furcht, von anderen Tieren gestört zu werden.

So macht sich die Katze auf die Suche.

Nach ein paar Tagen traf sie einen Hasen Der war friedlich, fröhlich, flink. Sie fragte, ob sie sich ihm anschließen dürfe.

„Aber gerne“, sagte de Hase. „Sehr gerne, bitte sehr.“

Sie lebten friedlich beisammen. Aber dann bekam der Hase Streit mit einer Antilope. Der Streit war so erbittert, dass der Hase unter den Tritten der Antilope die Flucht ergriff.

 

Da schau, dachte sich die Katze, die Antilope ist viel stärker als der Hase Sie fragte die Antilope, ob sie sich ihr anschließen dürfe. „Aber gern“, sagt die Antilope, „aber gern.“

Gemeinsam zogen Katze und Antilope durch den Busch und die Savanne.

Da begegnete ihnen ein Leopard. Der sprang die Antilope an, um sie zu zerreißen. Es gelang ihr aber zu entkommen.

 

Die Katze, die das alles beobachtet hatte, dachte sich, der Leopard ist ja viel stärker als die Antilope. Also ging sie zum Leoparden und fragte, ob sie sich ihm anschließen dürfe. Sie habe soeben gesehen, dass er ein außerordentlich starkes Tier sei.

„Aber gerne“, sagte der Leopard, „nur zu.“ Sie lebten angenehm miteinander. Der Leopard war sehr höflich zur Katze. Wenn er etwas zu fressen erjagt hatte, bot er ihr stets davon an. Nie hatte er Bange, dass sie ihm die besten Brocken wegschnappen könnte. Na ja, so viel aß die Katze ja ohnehin nicht.

Eines Tages, der Leopard hatte gerade ein ansehnliches Stück Fleisch erjagt und schickte sich an, es zu verzehren, merkte die Katze, dass sich ein großes Tier heranschlich. Das sah seltsam aus. Es hatte unglaublich viele Haare am Kopf.

Vorsichtshalber kletterte die Katze auf einen Baum, und war erstaunt über das, was sie jetzt ansehen musste.

 

Das große Tier trat auf den Leoparden zu, haute ihm mit den Tatzen ein paar Mal auf die Ohren, dass er aufheulend davon sprang. Dann machte sich das große Tier in aller Ruhe an die Mahlzeit, die der Leopard hinterlassen hatte.

 

Donnerwetter, dachte die Katze oben im Baum. Dieses Tier ist ja noch viel stärker als der Leopard. Vorsichtig kletterte sie vom Baum herunter.

 

Sie näherte sich dem großen Tier, das jetzt satt war und sagte: „Ich heiße Katze. Ich habe gesehen, dass du ja viel stärker bist als der Leopard. Hast du etwas dagegen, wenn ich mich dir anschließe?“

„Aber nein“, sagte das große Tier. „Ich habe nichts dagegen. Keine Probleme. Mein Name ist übrigens Löwe.“ „Oh“, sagte die Katze. „Du hast aber erstaunlich viele Haare am Kopf.“

 

Das nennt man eine „Mähne“, sagte der Löwe. „Aha, Mähne“, sagte die Katze. „Du hast also nichts dagegen, dass ich mich Dir anschließe?“

„Nein“, sagte der Löwe, „Kein Problem.“ Dazu schüttelte er seine Mähne.

Donnerwetter, dachte die Katze. Der Löwe ist also das stärkste Tier. Wie gut ich es getroffen habe. Man nennt ihn ja auch den König der Tiere. So ohne weiteres wird man bestimmt nicht König, also muss er das stärkste Tier sein.

Der Löwe war auch sehr höflich zur Katze, stets bot er ihr von seinen Mahlzeiten an. Ich habe es wirklich gut getroffen, dachte die Katze einmal mehr.

 

Eines Tages begegneten sie einer Herde Elefanten. Die Katze staunte über de Größe dieser Tiere. Verglichen mit den Elefanten sei doch der Löwe recht schmächtig, fand sie.

Die Elefanten, die viele Jungtiere mit sich führten, entdeckten den Löwen. Wütend stürmten die Elefantenbullen auf den Löwen los, dazu trompeteten sie wild.

 

Der Löwe, der die wütenden Elefanten daher stürmen sah, ergriff sofort die Flucht, er rannte so schnell er konnte und verschwand bald am Horizont in einer Staubwolke.

Also gibt es tatsächlich noch stärkere Tiere als Löwen, sagte sich die Katze. Elefanten sind sicher die stärksten Tiere, wo doch selbst der König des Tierreichs vor ihnen geflüchtet ist, was das Zeug hält.

 

Die Elefanten hatten sich inzwischen wieder beruhigt und schickten sich an weiterzuziehen, da entschloss sich die Katze, zum Leitbullen der Herde zu gehen.

 

„Verzeihung“, sagte sie mit feiner Stimme. „Ihr seid ja unglaublich starke Tiere. Dürfte ich mich euch anschließen?“ „Kein Problem, sagte der Leitbulle. „Aber gerne. Nur zu.“

Die Katze durfte auf den Rücken einer älteren Elefantin klettern. Das sei besser so, sagten die Elefanten. Sie könne sonst einfach nicht so schnell laufen. „Elefanten haben halt längere Beine“, sagten sie. „Das ist nun mal so.“

 

Auf dem Rücken der Elefantin fühlte sich die Katze sicher und zufrieden. Außerdem war sie überzeugt, dass Elefanten nun tatsächlich die allerstärksten Tiere der Welt seien, schon wegen der Größe.

Eines Tages wurde die Elefantin, auf der die Katze saß, vom Giftpfeil eines Jägers getroffen und fiel tot um. In Panik stob die Elefantenherde davon. Die Katze hatte gerade noch Zeit, herunterzuspringen.

 

Ängstlich beobachtete sie den Jäger, der jetzt an die getötete Elefantin trat. Wild sah er aus, der Jäger. Und da er ja offensichtlich viel stärker war als Elefanten, musste der Jäger das allerstärkste Wesen sein.

Mit so starken Wesen geht man besser vorsichtig um, dachte sie.

Vorsichtig schlich die Katze hinter dem Jäger her, um zu sehen, wohin er ging. Sie beobachtete, dass er sich einer Hütte näherte. Um die Hütte herum gackerten ein paar Hühner, und es stieg Rauch auf.

Sehr seltsam, dachte sich die Katze und überlegte, was sie wohl tun solle. Da hatte der Jäger die Hütte erreicht und verschwand hinter einer Tür.

 

Aber plötzlich wurde die Tür aufgerissen, schreiend rannte der Jäger davon. Mit beiden Händen hielt er sich schützend den Kopf, denn hinter ihm rannte seine Frau. Sie hatte ein Holzscheit in der Hand, das schlug sie dem Jäger um die Ohren. Dazu schrie sie laut und schimpfte. Und der Jäger rannte, rannte, rannte.

 

Das, dachte sich die Katze, muss nun wirklich das allerstärkste Wesen auf Erden sein.

Seit dieser Zeit halten sich Katzen besonders gern in der Nähe von Frauen auf.

aus „Neue Katzenmärchen aus aller Welt“

gesammelt und aufgeschrieben von Nick Barkow

ISB N 3-8112-1241-9